Linsmayers Kritik
Zwei Liebende am Abgrund zwischen Himmel und Hölle
Markus Keller inszeniert «Macbeth» von William Shakespeare in der Bearbeitung von John von Düffel
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Charles Linsmayer Publiziert am 11. Mai 2026 um 08:00 Uhr |
Der Abend beginnt mit dem Kriegslärm von heute, zuhinterst in der in dunklen Dämmer getauchten Bühne hängt ein Vorhang mit den Emblemen der Diktaturen des 20.Jahrhuderts, Macbeth, die Hauptfigur, robbt in einem modernen Kampfanzug auf die Bühne. Doch das ist schon alles an Aktualisierung. Dann machen die drei Hexen, eher als Priesterinnen gewandet, klar, dass der hier bevorstehende Krieg nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im tödlichen Ringen zwischen zwei Menschen vorgeführt werden wird. Bis zu jenem Punkt, den der männliche Part, der adelige Kriegsherr Macbeth, im Gespräch mit Lady Macbeth in die Frage hüllen wird: «Sind wir das Ende, Du und ich, und danach nichts mehr?»
Blutiger Kampf um Macht und Königtum
John von Düffel hat Shakespeares düstere Tragödie zu einem Dialog zwischen Macbeth und seiner Frau verkürzt und in moderne Sprache übersetzt. Das gibt dem Geschehen Drive und macht die beiden ganz losgelöst von ihrem Hofstaat und all den übrigen Figuren zu komplex-eindrucksvollen Protagonisten und Kontrahenten in einem blutigen Kampf um Macht und Königtum. Die Bühnenfassung wurde bereits an mehreren deutschen Theatern erfolgreich aufgeführt. Im Theater an der Effingerstrasse führt Markus Keller Regie und verantwortet zusammen mit Peter Aeschbacher auch die fluide düster-dunkle Bühnenlandschaft mit einem vielfältig einsetzbaren hohen Gerüst im Hintergrund, das dem Ganzen etwas Festungsmässig-Militärisches vermittelt.
Hochgradig präsente Protagonisten
Immer wieder unterbrochen mit bedrohlicher Musik, treten Bernd Sračnik als Macbeth und Sabine Lorenz als Lady Macbeth teils miteinander, dann wieder gegeneinander auf. Dabei sind die Rollen – von den beiden hochgradig präsenten, virtuos chargierenden Protagonisten überzeugend umgesetzt – von Anfang an klar festgelegt. Ehrgeizig, nach Macht strebend, sucht Lady Macbeth den an sich seriösen, loyalen Macbeth aus der Reserve zu locken und soweit zu bringen, dass er sich durch die Ermordung von König Duncan und später auch anderer Thronaspiranten, den Weg zum Königtum freikämpft. «Ich mach dich ganz», verkündet sie dem Zögernden, «schraub deinen Mut hoch bis zum Zerreisspunkt!» Wobei Sabine Lorenz für diese Strategie über eine ganze Reihe von Qualitäten verfügt, die sie virtuos einsetzt: mal verführerisch, sinnlich, dann wieder stolz, majestätisch, aber auch zynisch, hinterhältig, hasserfüllt, toxisch. So dass es dem eher schwächlichen Macbeth schwerfällt, sich ihren Forderungen zu entziehen.
Macbeth ist sich seiner Taten voll bewusst
Bernd Sračnik verkörpert den Macbeth in feiner psychologischer Umsetzung so, dass man ihm auch in den schlimmsten Verfehlungen und Grausamkeiten die Sympathie nicht ganz zu entziehen vermag, erscheint er einem doch gleicherweise als Opfer wie als Täter. Bemerkenswert, wie er das Verbrecherische seines Tun in jedem Augenblick durchschaut und nach Duncans Ermordung weiss: «Das Wasser eines ganzen Ozeans kann dieses Blut nicht von mir waschen.» Oder wenn er bekennt: «Das Gespenst in meinem blutigen Geschäft bin ich.» Macbeths verlorene Unschuld wird immer wieder in seiner Beschwörung des verlorenen Schlafs thematisiert: «Aber es rief und rief: ,Schlaf nicht mehr!’ Durchs ganze Haus! ,Macbeth erschlug den Schlaf, drum soll er nicht mehr schlafen’.»
Macbeth sind im übrigen eine ganze Reihe von Monologen vorbehalten, in denen sich Sračnik als virtuos differenzierender, eindrücklicher Redner bewährt.
Die Lady und das Spiel der Hände
Lady Macbeth wiederum verrät ihre eigentlichen, tiefsten Gefühle bei der Beschäftigung mit ihren Händen, die sie immer wieder vom Blut reinigen will, was ihr bis zuletzt nicht gelingt, so dass sie mit den Worten «Alle Wohlgerüche auf der Welt können diese kleine Hand nicht vom Gestank nach Blut befreien», dem Wahnsinn verfällt. Geführt von Markus Kellers subtiler Regie, der keine Einzelheit, keine Geste, kein Anblick zu gering ist, um die Handlung innerlich weiterzutreiben, vermögen es die beiden Protagonisten, immer zugleich Liebende und Kontrahenten, die dramatische Entwicklung des Geschehens ganz in ihren Dialogen, in ihrer Körpersprache, in ihren Gesten, ihrer Tonlage zwischen Wut, Hass und Zärtlichkeit zu spiegeln: von der Ermordung König Duncans, über die Tötung von Malcolms bestem Freund Banquo bis zum Kampf gegen den letzten noch aktiven Gegner, den schottischen Adligen Macduff, der Macbeth am Ende besiegen wird, nachdem er dessen ganze Familie ausgerottet hat.
Unterschiedliche Entwicklung
Wobei die beiden Charaktere eine unterschiedliche Entwicklung durchmachen. Lady Macbeth bleibt bis fast zuletzt ihrer ehrgeizigen Mordstrategie treu. Macbeth aber überwindet am Ende sein Zögern, erklärt, er wolle «von jetzt an jeden Mordgedanken gleich zur Handlung machen» und ruft: «Bringt meine Waffen! Ich will kämpfen bis mir das Fleisch in Fetzen von den Knochen hängt.» Als Lady Macbeth sieht, was sie angerichtet hat, packt sie der Wahnsinn und bring sie sich um. Was auch Macbeth, angesichts der tot daliegenden Partnerin zu seinem «Sie hätte später sterben sollen», seinem erschütternden Schlussmonolog bringt, der mit den Worten endet: «Das Ganze ist ein Märchen, erzählt von einem Irren, voller Lärm und Zetern, und es bedeutet nichts.»
Textgetreu und voller Spannung
Eine der Stärken von Markus Kellers Regie ist wie immer die präzise Umsetzung des vorgefundenen Textes. Und der Sinn für Tempo, Retardierung und Steigerung. So dass er aus Shakespeares Tragödie in der kongenialen Kurzfassung von John van Düffel zwar nur das Schicksal der beiden Hauptfiguren herausgreift, diese aber in einer unaufhaltsamen, manchmal fast unerträglichen Steigerung auf das bittere Ende in Tod und Sinnlosigkeit hin in 120 Minuten zwischen höchstem Glück und bitterstem Unglück noch einmal alles durchleben lässt, was die Liebe an Hoffnung, Glück, Unheil und Verderben, aber auch an Fürchterlichem mit den Menschen machen kann.
Nach Macbeths resignierendem Schlussmonolog schien das Publikum einen Moment lang in Erschütterung und Betroffenheit zu verharren, ehe der begeisterte Applaus losbrandete.

Charles Linsmayer
Charles Linsmayer ist einer der profiliertesten Schweizer Literatur- und Theaterkritiker. Seit Jahrzehnten prägt er die kulturelle Landschaft mit präzisen Analysen, fundiertem Wissen und einer unverkennbaren Leidenschaft für Sprache und Bühne.
